Forum Literatur in Niederbayern
bei der Staatlichen Bibliothek Passau


Johanna Beringer – Leseproben


Aus: De bucklate Welt. Mundartgedichte. Tiefenbach: Edition Töpfl 1986.


De bucklate Welt

De oide Welt draaht se rundum
hat Tag und Nacht koa Ruah
is gfaltet, hat an Buckl krumm
braucht dSunn zum Lebm dazua.

Sie hat für dStoa und sWasser Platz
für dPflanzn, sViech und dLeit,
de Welt is unser größter Schatz,
es brauchat drum koan Streit.

I sehg de ganze Welt voll Blüah
und dWeg mit Palmzweig gsaumt
sgibt Liab und Friedn, ums Brot koa Müah,
wach auf, i habs bloß traumt.


Fuaßballgspui

Der Mittelstürmer hat net gschaut
wia er aufs runde Leder haut,
sehgt den net, der vo hintn kimmt
und eahm an Boin vom Fuaß wegnimmt.

Der Stürmer gang eahm gschlehd ins Gäu,
der kriagt an Schlag, er fliagt aufs Mäu.
Was teans, wenn der iatzt nimmer lauft,
den hat se der Verein erst kauft.

Iatz beim Elfmeter gibt’s a Gschroa
der Torwart steht im Türl alloa
weil er an Boin net fanga ko
plärrn dLeit, hauts den Lattierl davo!

Beim Halbzeitpfeifa tua I geh
weil i vom Fuaßball nix versteh
moan eiwendig, i hab as Gfui
ois waars koa Gspaß a Fuaßballgspui.


A kloans Schnipfi Freid

A kloans Schnipfi Freid ghört zum Lebm scho dazua
daßd net grad de grob Seiten sehgst
es san auf der Weltlroas de Platzerl grad gnua
wosd staadhabm und ausrastn megst.

Muaßt sLacha und dGaudi oft sündteier zoin
weil sGlück alleweil mehra kost
glang zua, laß doch dStundn de schöne dir gfoin
weil eiwendig dFreid sunst verrost.



Aus: Eini und dahinter gschaut. Mundartgedichte. Tiefenbach: Edition Töpfl 1988.


Koa Zeit

Koa Zeit für de de Zeit habm
kimmst kaum mit deiner Zeit zamm.
Du rennst mit deiner Zeit um dWett
kimmst mit der Zeit ins Kranknbett.

Iatz kimmst mit deiner Zeit zamm
hättsd Zeit für de de Zeit habm
für di hat koaner Zeit am Bett
er rennt mit seiner Zeit um dWett.


A wurmiger Apfi

Der Sunna glangt sei Gluathitz kaum,
so vui hats Äpfin gfarbt am Baum,
hats rot und gelb und saftig gmacht,
grad leuchtn teans in voller Pracht.

I hab am Baum an Apfi brockt
und sehg an Wurm der drinna hockt.
Den Kampl pfaus i grantig a
„hasd mir am Apfi dFreid verta“.

Da moant der Wurm, der daasig sitzt,
„i hab mi gfreit, er war net gsprizt,
wo sunst soll unseroaner lebm
wenn’s lauter Gift in dPflanzn gebm?“


Leckerlbacha

’s moant mei Ma, „Du brauchst net bacha“,
sehgt er mi an Toag omacha;
„i glang koane Leckerl a
mag koa Gschleckats“, sagt mei Ma.

Mi mag dArbet net verdriaßn
i bach mir de zuckersüaßn
Leckerl, weil mi sGrücherl gfreit,
s waarmt uns dStubm um dWeihnachtszeit.

D’Schachtl mit de guadn Leckerl,
stell i zhinterst in a Eckerl,
weil’s fürn Bsuach a Schmankerl waar.
Wia i s brauchat, is oiß laar.



Aus: Nadelstiche. Gedichte. Tiefenbach: Edition Töpfl 1991.


Nadelstiche

Du konntest uns nicht trennen
deine Lügen
haben ihr Ziel verfehlt

und doch
weckten sie mit Nadelstichen
das Gespenst Misstrauen.


Höhenunterschied

A aufrechter Mensch
ka anderne Leit in dAugn schaugn
hoaßts.

Wennsd kloa bisd
darfst di net bucka vor de Großn
weilsd eahna sunst
net in dAugn schaugn kasd.


Olympische Flammen

Olympische Flammen für dWelt
as Gspui, wo der Beste nur zählt
wo Turner mitnander im Wettstreit sich messn
auf Gold und auf Silber und Bronz versessn.

Ziert sHalsghäng an Sieger zur Ehr,
dann macht eahm sei Preis koa Beschwer.
Er keucht net und hechelt, wenn Scheinwerfer glanzn
für alle 3 Staffin gibt’s bsundre Finanzn.

De andern werdn nimmer lang gfragt,
dsads auspumpt und habts enk stark plagt?
Ihr Sportler am Reck, aufm Roß, auf der Mattn
ihr stehts nach de Sieger weit hintn im Schattn.

Habts hoamli a Puiverl verschluckt,
sads dopt zu de Bestn aufgruckt,
veracht enk a jeder, ’s tuat dWelt enk verdamma
im heiligen Schein vo olympischer Flamma.



Aus: Leuchtsignale. Kurzgeschichten und Gedichte. Passau: PNP-Verlag 1993.


Messlatte

Der Stellenwert des Künstlers
misst sich am Bekanntheitsgrad.

Die Messlatten
sind nicht geeicht.


Geldwerter Vorteil

Ich suchte bei dir starken Halt
und spürte dein schwaches Rückgrat
verformt vom geldwerten Vorteil.


Politischer Fall

Du bist ihnen in den Rücken gefallen
und keiner fing dich auf.


Turdus merula

Im Vogeltaschenbuch entdeckte ich den lateinischen Namen der Amsel, „Turdus merula“. Schöner und wohlklingender hätte kein Name zu ihm gepasst, zum Amseljungen, der sich nicht nur mit dem langen weißen Streifen am schwarzen Gefieder und einem dicken runden Kopf von seinen Artgenossen unterschied. Turdus merula frönte einem außergewöhnlichen Badekult. Er hatte noch den Flaum eines flügge gewordenen Vogels, als er sich mit einem kräftigen „Djuk-djuk“ bemerkbar machte, im abgeschlossenen Gartenbereich des Terrassenhauses, wo er sich vor Katzen sicher fühlte. Ich durfte in seiner Nähe bleiben, er flog nicht weg. Turdus merula badete sehr oft am Tag, auch im strömenden Regen und bevorzugte die mit Wasser gefüllten Blumenuntersetzer. Die geräumige Vogeltränke überließ er den Meisen; sie planschten und spritzten darin mit wahrer Wonne, ohne den dicken Amselgesellen zu beachten, der dicht neben ihnen badete. Schon in den frühen Morgenstunden bis in die abendliche Dämmerung hinein kündigte er mit schrillem Ruf sein Kommen an und landete mit den Füßen im kleinen Wasserbecken unter der Krüppelkiefer. Er blieb eine Weile im Wasser sitzen und flog dann auf den überhängenden Kiefernast. Hastig zupfte er im ausgespreizten Federkleid und ließ dem Ungeziefer wenig Chance, sich bei ihm einzunisten. Wechselweise vollzog er anschließend in den verschiedenen wassergefüllten Blumenuntersetzern sein gleichbleibendes Baderitual. Dem Fußbad folgte der Kopfsprung; danach platschte er mit seinem ganzen Körper in das kleine Becken und schlug mit den Flügeln, dass das Wasser nach allen Seiten spritzte. Dazu klang sein übermütig kreischendes „Sriie-sriie“ wie das lustige Geschrei von Kindern. Es dauerte lange, bis sich Turdus merula endlich auf seinen Lieblingsast setzte. Er putzte sich ausgiebig, zupfte seine Federn zurecht und strich mit dem Schnabel die Flügel glatt. Unter den Rosenstauden, im kühlen Schatten der Blätter, ruhte er sich lange aus. Was dann folgte, war bei geöffneten Fenstern bis in alle Winkel des Hauses und im Garten zu hören. Turdus merula sang. In hellen Flötentönen pfiff er mit klarer Stimme seine Melodien, ähnlich dem Lied einer Nachtigall. Es klang, als wollte er mit seinem Gesang alle Freuden des Lebens zum Ausdruck bringen. Unvermittelt brach er ab und flog mit lautem Zetern davon. Doch nach kurzer Zeit kündigte er schon wieder mit schrillem Ruf sein Kommen an, zum Bad in den frisch aufgefüllten Wasserbecken. Einen herrlich schönen Sommer lang. An einem nebligen Oktobermorgen kauerte Turdus merula aufgeplustert am Boden. Er bewegte sich nicht und hatte die Augen fast geschlossen, das von mir hingestreute Weichfutter ließ er unberührt. Als ich in der Dämmerung nach ihm schaute, war er fort. Nur ein paar flaumige Federn lagen auf dem Platz, an dem er den ganzen Tag gesessen hatte. Irgendwo aus der Ferne glaubte ich den vertrauten schrillen Ruf zu hören, mit dem er sein Kommen ankündigte, um zu baden, Turdus merula.


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