(1.)
DORNRÖSCHEN
Baldrian,
Dornröschenatem
Rosenaugen, geweitet
in den bildlosen Raum
Der Himmel:
madonnenmantelblau
Alle Äpfel
schlafen
Skelette
in herrlicher Hecke:
Friedhof
der zu früh geborenen Prinzen
Einer kommt,
der dornenkundig ist:
Seinen Atem kennt
die Rose
Sein Schlüsselblumenmund
schließt Namen auf
Noten kommen
aus der Nacht
Die Bilder
finden die Augen wieder
Und die Engel
reiten ins Rot
(2.)
WIE EZECHIEL
Vor unbeschriebenen Blättern
Rieche ich Reichtum und fürchte ich
Schnee. Ich flehe
Die Schreibengel an
Um Federschmuck und vier
Der Winde,
Gewitter, deren Blitze
Zeichen setzen, gezackte Rätsel
In die Bilder ritzen
Und ausgeblichene Knochen
Beleuchten,
Damit mein bemaltes Gerippe
Sich heiliges Fleisch
Und andere Adern
Erklappert.
So wie der feurige Ezechiel
Verschläng ich gerne viel
Papier,
Gerollt, mit Worten Gottes.
Als Rosakehlchen
Flög ich dann auf
Und sähe
Den Kreuzweg von oben,
Und meine furchtbaren Berge
Wären verschoben.
Es wüchse dann Yggdrasil
Aus den Schriften.
Mich würde kein Brief mehr
Vergiften.
So wie der feurige Ezechiel
Empfing ich gerne viel
Getier:
Gestalten mit je vier Gesichtern.
Ich gehörte dann zu den Dichtern.
(3.)
HOLZ AUS DEM NACHTWALD
Ich habe Tee und Tinte und eine Brille,
Manchmal auch Milch.
Ich habe ein Herz, das nie stillsteht,
Und pochende Uhren.
Ich habe duftende Bücher,
Taumelnde Tassen
Und Puppenköpfe für alle Launen.
Gedanken stecken, wie Briefe,
Hinter der Zunge,
Bis sie zu Blasen werden,
In denen Fische und Frösche tanzen
Mit Zwergen und lieblichen Huren ...
Bis sie zwischen den Zähnen schweben
Und blutend von den Lippen platzen.
Nach salzig-süßem Ereignis
Verzehrt sich der Mond:
Sein Innerstes ist nicht weiß,
Sondern ist eine Orange –
Und sie ist heiß.
Immerzu wirft jemand
Holz aus dem Nachtwald
In meinen Ofen,
Vor dem ich dann sitze:
Mit einer taumelnden Tasse,
Einem duftenden Buch
Und einem Herz, das nie stillsteht.
Tausendstes Sitzgelage
Mit flackernden Haaren.
Mit den Knochen des Kobolds
Im blauen Gepäck
Mach ich mich auf
In die Wildnis
Und suche die Linien
Der Linde,
Das Auge des Einhorns
Und dich.
Steine werd ich begießen und Geister,
Wenn deine Fülle
Mir verschlossen bleibt –
Und das Lid
Über der Liebe.
(4.)
SCHLANGENWUNSCH
Schwerer Weinberg im Hut.
Kaffeekastagnetten im Blut.
Rauchblaue Fernen.
Seiltanz zu Sternen.
Arg zerzaustes Herz.
Schreie, heilig, weltturmwärts.
Traumkometen hinter Wimpern.
Schwarz und weißes Schädelklimpern.
Umgestülpte Tasse Tee.
Füßebad im schwarzen See.
Orpheusfeuer auf dem Teller.
Wortverdauung immer schneller.
Absturz in ein Blumenloch.
Schwanentanz vorm Schmerzenskoch.
Besen in den Höllenhöfen.
Nachtgesang in Körperöfen.
Umgestürzter heißer Wunsch.
Scharlachroter Schlangenpunsch.
(5.)
ANSELM KIEFERS BILD „SIEGFRIED VERGISST BRÜNNHILDE“
Ackerfurchen
In die Ferne:
Brünnhildes Klage und Klang.
Schneelandschaft ohne Esche
Und Lindwurm.
Walhall
Geht schlafen.
(6.)
ISIS UND OSIRIS
Im Brautkleid durch das hohe Korn
Zieht Isis, in der Brust den Dorn.
Die Sterne bersten gelb und rot,
Atome tanzen mit dem Tod.
Der Eichelhäher sät die Wälder.
Osiris ruht im Rausch der Felder.
Und alles ist sehr still:
Es ist die Welt, die kommen will.
Der Mensch hat Scherbenschuhe an,
In denen er verbluten kann. –
Osiris starb, sein Grab ist rot.
Doch seine Kreise sind nicht tot.
Wo Isis rastet auf dem Feld,
Als großer Vogel, wird die Welt
Aus Gottes Körnern neu geboren. –
Der Bräutigam bleibt unverloren.
Im Brautkleid, zwischen hohem Korn,
Liegt Isis, und es brennt der Dorn.
Auf ihrem Bauch der Morgenstern
Kennt Apfel-, Nuss- und Wesenskern.
(7.)
DIE MUSIK VON GETHSEMANE
I.
Schlafherzen, in Öl eingelegt
Und arglos flackernd,
Auf dem Nachtberg,
Wo einer nur
Wacht.
Einer nur
Geht ins Gebet
Und auf den Grund
Von Gethsemane.
Einer nur
Hat das Gesicht.
Garten und Augen: Edengebiete,
Wo durch Frucht und Fleisch
Sich Eitertürme bohren, jetzt,
Und Perlen, abendsonnenkalt.
Das Reine ist röter als rot. Ein Engel
Isst seinen eigenen Tod.
Und sein Gesicht
Fällt
Auf das Schweißlaken
Der aufgerissenen Erde;
Und sein Ohr
Rollt,
Über Tonleitern polternd,
In der Löcher der Nacht,
Weil er das Hirn der Urnen essen muss:
Sein Magen ist ein blauer Beutel
Für die Würmer dieser Welt,
Und seine Adern winden sich
Wie rote Abflussrohre.
Sein Sehnen wird durchbohrt
An Hand und Fuß, und so,
Mit grellblauen Gliedern,
Krallt sich Christus an das Kreuz;
Und ein Krähenschrei
Sucht Gott.
II.
Unverdorbene Augen
Sehen den Fall
Der Köpfe von Engeln
In der verdunkelten Dornenhalle:
Der Durcheinanderwerfer krümmt die Krallen
Über ihrer großen Rundung, und die Engel knirschen.
Ihre Münder kratzt er aus, und im Gesträuch
Verstreut er ihre wilden Haare, und sie wehen weit.
Die kahlen Schädel bohrt er in das nasse Gras
Zu den grellen Gartenzwergen, und aus Rosmarin
Fließt Blut.
III.
Schlafherzen, in Öl eingelegt
Und arglos flackernd,
Auf den Nachtbergen,
Wo wenige nur
Wachen.
Wenige nur
Gehen in das Gebet
Und auf den Grund
Dieser wilden Gebiete.
Wenige nur
Haben ein ganzes Gesicht.
Erden und Monde: Weltallgebiete,
Wo verformte Türme
Sich durch Krater bohren, krank,
Und Perlen, edensonnenalt.
Das Reine ist röter als rot. Ein Engel
Isst seinen eigenen Tod.
Mein Ohr
Wächst auf
Im Schrei der Krähe,
Und ihr Schatten
Fällt
Auf mein Gesicht:
Es sinkt
Auf das Rosenholzgrab
Im Herzen der Wege.
Mein Ohr
Horcht auf
Im Chor der Kreuze,
In wildem Rauch und Wasserspeiergesang,
Zwischen den knirschenden Zähnen der Engel.
Und das Dornenspiel der Orgel
Stöbert mein Herz auf
Mit Klagekristallen
Und den Strukturen
Des Blutes.
IV.
Ich höre euch:
Klangknäuel aus rollendem Gold
Im verwurmten Labyrinth
Des großen Weltenleibs:
Suchtrupps seid ihr
Im Gestrüpp der Sterne:
Planeten,
Die zu Gott bluten.
(8.)
DER RITTER IN ROSA
(Zur Ausstellung „Manchmal ist alles rosarot“ mit Werken von Alois Mitter
im Frühling/Sommer 2005 im Museum Moderner Kunst in Passau)
I.
Im versteinerten Wasser
Sitzt
Das verschüttete Kind
Und redet
In rosanen Runen,
Gegenzauber erwartend.
II.
Schwarzpappel-Zeiten
Sind zwar nicht zauberlos,
Aber sie klappern
Mit Zeigern und zählen
Die Knochen, zitternd
Vor Vergangenheit.
III.
Gegenzeit witternd,
Steht er im Wind,
Am flimmernden Rand
Seiner Märchen,
Und sammelt das Salz
Von den Stunden.
IV.
Der zarte Seher
Und Ritter des Zorns
Spielt
Mit geretteten Puppen
Und reitet scheppernd
Ins Rosa.
V.
Engel
Flattern verbittert
Auf trällernden Träumen
Der Kindheit.
Aus ihren schimmernden Trümmern
Bastelt der Ritter
VI.
Verschachtelte schwankende Türme,
Kantige Bauten
Der Jetztzeit,
Spiegelt
Die aus Herzchakraschichten gestiegenen
Stalagmiten.
VII.
Er formt aus Fragmenten
Von Instrumenten
Mit rosanem Hammer
Schattenmusik
Und steigt auf den Turm
Seiner Töne.
VIII.
Dort wartet
Die Urne Rapunzels.
Roter Weißdorn
Öffnet sie. Begrünt das Herz.
Und alle Pilze
Tanzen.
IX.
Streut er die heißeste Asche
Auf Welteschenlaub,
Geht durchs Geäst
Die Gestalt der Prinzessin
Und flimmert wie Phönix
Im Licht.
(9.)
WINTERSCHLAF UND ERWACHEN
Im Herbst die Erhebungen Gebs.
Geisternder Blätter
Geheimnis.
Wandernder Wälder
Visionen.
Blut-
Und Hagebuttentrost:
Röte fallender Schrift.
Im Winter Gewächse des Seth.
Schwarzweiße Wächter
Des Atems,
Kommende Blätter
Beträumend.
Baum-
Und Strauch- und Frauenschlaf:
Schemen kommender Schrift.
In Särgen die Töchter des Thot,
Schlaflicht beschreibend
Mit blaugefrorener Milch und
Dem Klirren
Der Blumen,
Herbstblut,
Eisfledermäuse
Im Herzen,
Kreuze erinnernd.
Wie Christus
Auf-
Und niedersteigend, grab-
Wandelnd zwischen den Welten.
Im Frühling die Feuer der Frigg,
Wenn aus den Särgen
Rosa die
Milch zu den Bächen
Fließt und die Flächen
Des Feenwegs
Beschreibt;
Wenn aus den Särgen
Rosa die
Frauen mit heiligen Füßen
Steigen und ihren
Milchweg gehn.
Anfang der
Fahrt
In Pilz und Wolf und Baum.
Rosa blühender Stift.
Sichtbar werdende Schrift.
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