Aus: Fioretti. Gedichte. Schweinfurt: Wiesenburg-Verlag 2004.
DENKEN
wächst wie ein
Geweih
aus meinem Kopf
So gehörnt
bin ich
eine begehrte
Trophäe
den Dummen
DER verkohlte Koch-
löffel
wird verworfen
von der Idee
des Kochens
der Bleistiftstummel
von der
des Schreibens
Ich geh mit euch
in Schutt und Nacht
auch ich
bin unbrauchbar
geworden
an der Idee
meines rechten
Gebrauchs
DAS Kreuz
über der Tür
Das Kreuz
unterm Kopfkissen
Das Kreuz
in der Kirche
in der Geldbörse
Überall
schaute mich
in meiner Kindheit
ein gekreuzigter Gott
an
und jeder
des anderen Todfeind
im gnadenlosen Geschäft
des Leidens
Aus: ACH, TRAKL. Gedichte. Verlag Landpresse 2007.
Wittgenstein
Wenn es doch nichts
gäbe
Und wenn es schon
etwas geben muss Gäbe
es doch keine Sonne die
überall ihre Licht-
jauche verspritzt
Und wenn es schon
etwas geben muss Und
wenn es schon eine Sonne
geben muss Gäbe
es doch keine Sprache
diesen Blindenstock
mit dem wir rühren in was
für einer Soße auch immer
Und wenn es schon
etwas geben muss Und
wenn es schon eine Sonne
geben muss Und
wenn es schon eine Sprache
geben muss Gäbe
es doch keinen Wittgenstein
aus dessen Kopf nicht
einmal eine Fliege wieder
ins Freie findet Keinen
Wittgenstein also wenigstens
keinen Wittgenstein bit-
te
Schnee
Schnee
viel Schnee liegt in den Gedichten Eriksons
und auch im großen Schlaf John Donnes
schneit es und schneit
Genet sieht im rauen Weiß einer Gefängnispostkarte
eine einsame Schneefläche
in die er mit seiner Schrift eine Spur zieht
und zum Dichter wird
Und auch in meinem Kopf
beginnt es zu schneien
lautlos und zart fällt Schnee
fällt und fällt
unermesslich schneit es
und das Unermessliche dauert nur einen Augenblick
in den um mich herum die Welt geschieht
die für immer nichts mehr zu tun haben wird
mit dem winzigen Winter in meinem
Kopf
Für wen ich meine Gedichte schreibe
Für den den es nicht gibt aber geben müsste
Für den den es gibt aber nicht geben darf
Für den der verloren ging in den Umständen
Für den den Sie niemand nennen
Für den der schreit wenn niemand schreit
Für den mit dem Mühlstein um den Hals
Für den der einsam auf dem Fünfmeterbrett steht
Für den der einging in seinen Garten
Für den der den angefahrenen Falken töten muss
Für den der irr wurde an Vernunft und Unvernunft
Für den der im Heiligen nichts findet als Werg und Gewürge
Für den den sie kreuzigen im Hinterzimmer bei Bier und Schnaps
Für den den die Lügen der Liebe heimsuchen
Für den der fremdelt in seinem Menschsein
Für den der Wange an Wange schläft mit dem Pestfloh
Für den der der Elefantenherde folgt
mit einem leeren Wasserkanister und einer Landkarte des Mondes
Aus: Notnägel. Aphorismen, noch unveröffentlicht.
Du musst tief in die Lüge eintreten und aus ihrer Tiefe heraus Anlauf nehmen für den Sprung in die Wahrheit.
*
Kunst entsteht durch Krankwerden am Gesunden.
*
Es gibt keine Wahrheit, von der er wirklich möchte, dass sie wahr wäre.
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Dummerweise ist er zwischen den Stühlen selbst zum Stuhl geworden.
*
Überall Uhren – nirgends Zeit.
*
Dass ihm nicht zu helfen ist, – besteht darin nicht sein größter Triumph?
*
Die Katze wendet den Kopf: Mehr Wirklichkeit gibt es nicht.
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