Aus: ÜberBrücken. Gedichte und Geschichten aus Passau. Herausgegeben vom Passauer Literaturkreis. München: SüdOst Verlag 2006.
der Name des Sommers
wenn unser wankender
Sommer über den
Rand des Septembers
fällt und zerbricht
lass uns die
Scherben einsammeln und mit
blutenden Händen in
kaltes Sonnenlicht halten
dass der Himmel rot bleibe in
unseren Augen und das
sich wandelnde Zittern
den Namen des Sommers behält
Felsen am Schaiblingsturm
warst du jemals nicht aus
Stein?
war ich jemals nicht begraben unter deiner
Schwere?
aber die grünweichen Wasser des Inns
Geliebter
ringen dir die Kuhle ab
in die ich mich schmiege
zwischen dich und das
Trugbild vom ewigen Sein
Gottsuche im Dom
(westliches Koan)
gelegentlich
vergesse ich
dass es Ihn nicht gibt
aber das
verzeiht Er mir
Fahrt in die tausendundzweite Nacht
(Transkulturelle Rück- und Brückenschläge)
Endlich wieder in diesem faszinierenden Land mit seinen faszinierenden Menschen und seiner faszinierenden Kultur.
Die niederbayerische Kleinstadtspießigkeit weit hinter mir, zwänge ich mich voller Erwartung in den Bus, der mich weg von der Hauptstadt tief in den Süden, in den Orient nach Samarkand bringen soll, mitten hinein in die Gefilde von Tausendundeiner Nacht.
Es ist eine halbe Stunde nach Abfahrtszeit, und man wartet noch immer geduldig auf das Erscheinen des Fahrers. So ist das eben in diesem faszinierenden Land mit seinen herrlich pragmatischen Menschen. Man unterwirft sich nicht der Diktatur der Fahrpläne. Der Bus fährt ab, wenn er voll ist, und er kommt an – nun ja, wenn (oder falls) er eben ankommt.
Viel, viel später gibt es noch immer freie Plätze. Orientalische Geduld und Gleichmut hängen wie eine lähmende Dunstglocke über allem. Sogar die Geduld hüllt sich hier in Nationaltracht, denke ich mir, und wenn es nötig wird, stülpt sie sich eine goldbestickte Mütze über Augen und Ohren – und über den Mund vor allem.
Man stelle sich vor, ein Bus der Passauer Stadtwerke stünde stundenlang fahrerlos auf dem Ex-Platz. Nicht auszudenken, der Aufruhr.
Der Sesam öffnet sich schließlich doch noch, und herein kommt – Ali Baba in einem flatternden Kaftan und einem recht windschief sitzenden Turban. Er muß wohl für vierzig Räuber gebechert haben, denn lallend und schwankend schiebt er eine entsprechende Duftwolke vor sich her. Sein verhangener Blick schweift suchend durch die Reihen und verweilt kurz auf dem freien Platz neben mir. Ich bete inständig zu Allah, der ja wohl hier zuständig ist, er möge diesen offensichtlich bis zum Rand vollen Kelch an mir vorüberziehen lassen. Ansonsten hätte ich für die nächsten sechs Stunden Ali Babas Lallen im Ohr – und den Duft von vierzig Räubern in der Nase.
[...]
Aus: Zeit die uns trägt. Gedichte und Kurzgeschichten. Tiefenbach: Edition Töpfl 1996.
Zeft
Es war einmal ein Buchhalter, der war ein Buchhalter, wie er im Buche steht und hielt seine Bücher nach dem Buchstaben des Gesetzes. – Bis es dann zum Ausbruch kam.
Er war so untadelig, dass man für ihn nach einer zutreffenden Eigenschaft suchen mußte: Unser Buchhalter war ZEFT. Zuverlässig. Ehrlich. Fleissig. Treu. Durch und durch ZEFT. – Bis es dann zum Ausbruch kam.
[...]
Plötzlich fing er an, sich zu stoßen am Buchstaben des Gesetzes und suchte die Umlaute im Alphabet des Daseins: Sein Leben ändern. Über die Stränge schlagen. Unmögliches möglich machen. Endlich Zugeständnisse an größere Träume.
Es war einmal ein Firmenkonto.
Es waren einmal drei Millionen.
Und bald darauf lag unser gewesener Buchhalter an Palmenstränden unter südlicher Sonne. Der Welt der Gier, des Wankelmuts und Scheins entronnen, genoss er die Gesellschaft der Guten, der Wahren und Schönen und glaubte sich am Ziel seiner ungeträumten Träume.
Es gab keinen November mehr. Es gab nichts Tristes mehr. Es gab nichts Graues mehr. Es gab alle Farben der Welt in seinem Herzen und die Sonne auf seiner Haut und den Wein in seiner Kehle und die glutäugigen Schönen in seinem Arm. Und so verbrachte er die Tage wie im Traum mit Dingen, an die er niemals vorher gedacht hatte.
Doch nachts in fremden Betten, linkerhand eine dieser glutäugigen Schönen, tastete die suchende Rechte ins Ungewisse. Er begann ihm zu fehlen, der Tisch mit den Akten.
[...]
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