Aus: Aus aller Herzen Länder. Aphorismen. Hauzenberg: Edition Toni Pongratz 2007.
Die Weißwurst ist Bayerns kulinarischer Beitrag zum Weltkulturerbe.
Mobbing ist etwas so Abscheuliches, dass man auf eine Übersetzung des Wortes ins Deutsche verzichtet hat.
Lippenstiftflecken im Gesicht eines Mannes können Spuren weiblicher Gewaltanwendung sein.
Schlafe lieber mit deiner Frau als mit einer Schlaftablette!
Das Fernsehen ist die Prärie der Schleichwerbung.
Die Pressefreiheit ist der Waffenschein des Revolverblattes.
Mancherorts haben die Leute ein Kabarett vor dem Kopf.
Gott ist das einzige Wesen, das keine Vorfahren hat.
Vor Gott ist selbst der Stuhl Petri eine Armesünderbank.
Stehende Ovationen sind für Menschen, kniende Ovationen für Gott.
Aus: Rollentausch und andere Epigramme. Tiefenbach: Edition Töpfl 1997.
Herr und Hund
Herr S.
Übt Geige:
Vivaldi.
Die Etüde
hört sich an
wie Waldi.
Grenzepisode
Als er um Asyl
bat, besaß er
keinen Ausweis.
Von der Behörde
bekam er einen:
den Laufpass.
Kontinuität
Sein Vater war
Straßenarbeiter.
Der studierte Sohn,
in des Vaters
Fußstapfen tretend,
wurde Streetworker.
Rollentausch
Während der Ehe
hat sie
die Kinder gekriegt.
Nach der Scheidung
hat er
die Kinder bekommen.
Ein Feinschmecker
Ausländer, die
kann er partout
nicht riechen.
Doch wenn er ab und zu
gut essen will,
geht er zum Griechen.
Mode aus Kalau
Nachdem Frau S.
vom Frack ihres Mannes
die Schöße abgetrennt,
trägt Herr S.
dieses Kleidungsstück
jetzt als Frackment
Aus: ÜberBrücken. Gedichte und Geschichten aus Passau. Herausgegeben vom Passauer Literaturkreis. München: SüdOst Verlag 2006.
Ilz-Saga
Granit und Gneis,
felsenfest von ihrer
Härte überzeugt.
Die Wasser, wissend
von der steinerweichenden
Wirkung steten Tropfens.
Nur noch Millionen
Jahre dauert es dann -
und der Stein ist
gehöhlt! Die Ilz
legt sich ins gemachte
Bett, es hütend
vom Rachel, vom Lusen
bis an die Donau.
Aus: Der Weihnachtsbesuch. Passauer Woche, 23.12.2003.
So lautete der Brief, den er zwei Wochen vor Weihnachten erhielt: „Werter Herr Hochstein, mein Name ist Per Carlson. Ich bin Schwede, 27 Jahre alt, von Beruf Sänger, zur Zeit in Wien engagiert. Wie komme ich, ein Ihnen völlig Unbekannter, dazu, mich an Sie zu wenden? Lassen Sie es mich erklären! Meine Mutter ist Birgit Englund aus Uppsala. Ich denke, Sie erinnern sich an das damals siebzehnjährige Mädchen, mit der Sie vor mehr als einem Vierteljahrhundert eine Romanze hatten. Meine Mutter – ich erfuhr das aus ihrem Tagebuch – ist sehr verliebt in Sie gewesen. Und umgekehrt war es wohl nicht anders. Nun ist es mein Wunsch, den Ort aufzusuchen, an dem meine Mutter einmal glückliche Stunden verbracht hat. Am 24. Dezember werde ich deshalb mit der Bahn nach Passau fahren. Es geht nur Heiligabend, weil ich an allen anderen Tagen Auftritte habe. Jetzt äußere ich eine große Bitte, Herr Hochstein: Wäre es möglich, dass Sie trotz der allgemeinen Hektik vor den Festtagen ein wenig Zeit für mich erübrigen könnten? Zeit, mir Ihre Stadt zu zeigen. Falls Sie mein Anliegen nicht als Belästigung empfinden, geben Sie mir bitte Nachricht an folgende Adresse ...“
Und ob sich Felix Hochstein, ein Passauer Bankangestellter, an das Mädchen Birgit erinnerte! Sie war seine erste Liebe gewesen. Seinerzeit war die hübsche, gut Deutsch sprechende Schwedin zusammen mit dem Mädchenchor ihrer Schule angereist. Die Begegnungsveranstaltung junger europäischer Sänger, Tänzer und Musikanten dauerte eine Woche. Der einheimische Felix Hochstein gehörte zu denen, die Passaus Farben bei dem Amateurfestival vertraten.
Am 24. Dezember, gegen Mittag, holte Felix Hochstein Per Carlson vom Zug ab. „Ich habe dunkelblonde, schulterlange Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden“, hatte sich Per Carlson tags zuvor übers Telefon beschrieben. Eben an der Frisur erkannte ihn Felix Hochstein. Vom Bahnhof begaben sich die Männer zu Fuß in die nahe gelegene Wohnung des Passauers. Dort erwartete sie Hochsteins Frau Eva mit einem Imbiss. Als Mitbringsel überreichte Per Carlson eine CD mit Ausschnitten aus Musicals. „Ich bin auch drauf zu hören“, bemerkte er lächelnd. Der selbstsicher und dennoch bescheiden auftretende junge Mann besaß ein angenehmes Äußeres. Auf das Ehepaar Hochstein machte er einen sympathischen Eindruck. Von Anfang an stellte sich auf keiner Seite so etwas wie Fremdeln ein. Eva Hochstein war es, die das Gespräch auf Pers Mutter brachte. Die Romanze ihres Mannes Felix mit Birgit Englund lag lange vor Evas Partnerschaft mit Felix. Eva konnte sich also ganz unbefangen nach dem Befinden von dessen Jugendliebe erkundigen. „Meine Eltern sind vor zwei Jahren mit dem Auto tödlich verunglückt“, sagte Per Carlson ernst.
Eva Hochstein hatte noch Vorbereitungen für die Feiertage zu treffen. Für Felix Hochstein indes war es ein Vergnügen, mit dem begeisterten Per Carlson durch das winterliche, weihnachtlich geschmückte Passau zu schlendern. Die private Stadtführung – kaum eine Sehenswürdigkeit wurde ausgelassen – zog sich Stunden hin. Es dämmerte schon, als die beiden in die Wohnung der Hochsteins zurückkehrten. Durchfroren und ein wenig müde. Sie stärkten sich mit einem Schnaps. Nach einer Weile tischte Eva Hochstein das Abendessen auf: Würstel mit Kraut, Brot und Bier. Vom Speisezimmer begab man sich ins Wohnzimmer. Die Kerzen am Christbaum wurden angezündet. Das Lied ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ erklang aus drei Kehlen. Auf Wunsch der Hochsteins sang Per Carlson ein schwedisches Weihnachtslied. Per hatte einen strahlenden Tenor. Morgen würde er wieder als „Freddy“ in ‚My Fair Lady‘ auf der Bühne der Wiener Volksoper stehen. Spontan lud Per Carlson die Hochsteins zu einem Besuch „seines“ Musicals ein. Die Hochsteins nahmen die Einladung nach Wien erfreut an. Mitte Januar wurde als „Termin“ hierfür ins Auge gefasst. Dann war für Per Carlson auch schon Zeit zum Aufbruch. Der Sänger musste den Abendzug erreichen. Felix Hochstein brachte den Gast zur Bahn. Auf dem Bahnsteig drückte Per Carlson Felix Hochstein einen Umschlag in die Hand. „Es handelt sich um das geheime Tagebuch meiner Mutter“, sagte Per, sichtlich nervös. „Erst vor kurzem hab ich’s unter ihrer Hinterlassenschaft entdeckt. Im Kuvert steckt ein von mir übersetzter Auszug aus dem Tagebuch. Sie kommen darin vor, Herr Hochstein!“
Wieder zu Hause, fragte Felix Hochstein seine Frau: „Wie gefällt dir Per Carlson?“ Sie antwortete: „Wenn wir eine Tochter im heiratsfähigen Alter hätten, würde ich ihn mir zum Schwiegersohn wünschen.“ Die Ehe der beiden Mittvierziger war kinderlos geblieben. Felix setzte sich zu Eva auf die Couch. Sie tranken Punsch und aßen von den Plätzchen. Aus dem leise gedrehten Radio tönten weihnachtliche Weisen. Als das Telefon läutete, ging Eva an den Apparat in der Diele. Durch die nur angelehnte Tür bekam Felix mit, dass Evas Schwester aus München anrief. Die Frauen gerieten ins Plaudern. Felix Hochstein aber überflog das ihm von Per Carlson ausgehändigte Schriftstück. Unter dem 31. Mai 1955 hatte Birgit in ihr Tagebuch eingetragen: „Am Sonntag wurde unser Sohn geboren, der den Vornamen Per erhielt ... Olof, mein Mann, weiß, dass er nicht Pers Vater ist. Trotzdem hat er mich noch während meiner Schwangerschaft geheiratet. Das hätte nicht jeder getan, aber Olof liebt mich ... Vor der Welt wird Per als unser gemeinsames Kind gelten. Olof und ich halten es für das Beste, wenn Per nie erfährt, wer sein leiblicher Vater ist. Und auch dieser soll nie erfahren, welche Folgen mein Liebesabenteuer mit ihm hatte. Vorigen Sommer in Passau. Pers Vater ist Deutscher, heißt Felix Hochstein! Mein Gott, es ist alles so problematisch! Felix und ich waren viel zu jung, noch gar nicht erwachsen ...“
Felix Hochstein wusste nicht, wie ihm geschah. Seine Gedanken überschlugen sich. Sein Herz begann zu rasen. Schweiß trat auf seine Stirn. Er sprang auf. Er durchwanderte den Raum. „Was ist los, Felix?“, fragte Eva Hochstein besorgt. Aus der Diele kommend, merkte sie sofort, wie erregt ihr Mann war. Felix gab ihr das beschriebene Blatt, weihte sie ein, woher es stammte. Eva las. „Wenn das wahr ist, Eva“, sagte Felix mit bebender Stimme, „hab ich einen Sohn!“ Eva Hochstein brauchte nur Momente, um das Erfahrene zu fassen. Sie umarmte ihren Mann. „Wenn das wahr ist, Felix“, flüsterte sie gerührt in sein Ohr, „haben w i r einen Sohn!“. Wie um Zweifel zu verjagen, fast kämpferisch, mit glänzenden Augen, fügte sie halblaut hinzu: „Und warum sollte es nicht wahr sein?“
zum Seitenanfang
zurück zur Hauptseite